|
Diese
Authentizität und dieses Gespür machen den Schreckschuss-Sound so
zwingend. Weniger
ausgeprägt war sein geschäftlicher Instinkt. Ist er heute noch nicht.
Kalkül ist für ihn was Unanständiges, Berechnung wesensfremd. So ist
die Band zwar auf Dauer-Tournee und in den Medien so lálá präsent, aber
auf einen grünen Zweig kommt
man nicht, jedenfalls nicht nachhaltig.
Charly/Rainer
kann sich über einen guten Gig mehr freuen als über eine gute Gage.
Diesen uneigennützigen Idealismus mögen die Musiker nicht immer teilen,
und so kommt es, dass Rainer ohne eine kontinuierliche
Band arbeitet, aber
immer wieder neue Leute und auch frühere Weggenossen findet, die
ihn inspirieren. Die Musiker genießen die Konzerte mit Charly Beutin aus
tiefster Musikerseele, nehmen dann aber, durchaus mit Bedauern, Jobs mit
Brötchengarantie an. Einige Überzeugungstäter
bleiben bei der Stange. Manne Kraski, wenn die Rattles ihn lassen.
Einer der Gitarristen, die man anruft, wenn man einen besonderen Sound
braucht. Er hat auch produziert, das letzte Konzept-Album „Ne Menge
Leben“ trägt seine Handschrift und auch in weiten Teilen die jetzt
vorliegende CD “Unerhört!“.
Seit 12 Jahren unersetzlich der Bassist Bernd Ohnesorge. Jan Mohr
– bei drei Alben hat er Gitarre gespielt. Gehört zur Familie
und zur europäischen R&B-Szene. Seit kurzem ist noch der
Gitarrist Wolfgang Meis im Spiel, ein Riesengewinn für die Band.
Schlagzeuger ist Jörg Berger, ein Pseudonym für „Das Metronom“.
30
Jahre sind nicht genug.
Nun
kann auch ein Rainer Beutin nicht nur von Riffs und Licks leben. Er machte
sich als Masseur selbständig. So kann er mit seiner Hanna drei
Kinder großziehen, behält sich aber die Freiheit, Auszeiten für die
Musik zu nehmen.
Er
hat sich in Klein Königsforde eingerichtet, so dicht am
Nord-Ostsee-Kanal, dass man bald denkt, die Schiffe fahren durch den
Apfelgarten. Genug Platz im Haus für viele Gitarren und die Familie.
Die stärkt ihm den Rücken und lässt ihn durchhalten, wenn der große,
chartbeglaubigte Hit immer noch fehlt. Aber da gab es auch Zeiten, wo der
Rotwein aus Frust oder auch aus Lust nicht so alt wurde wie heute,
emotionsgebeutelt, wie Mr. Schreckschuss nun mal ist. So ein Gesicht kommt
ja auch nicht von ungefähr. Das muss man sich in 30 Jahren im Bandbus und
Backstage anleben.
Acht
Alben in dieser Zeit entstanden mit Energiefaktor 12 auf der Richterscala,
Produktionsbudget nicht messbar. Aber er findet immer wieder den Respekt
und die Begeisterung von Produzenten wie Detlef Petersen oder Fito de la
Parra, dem Drummer von Canned Heat oder eben Manne Kraski, die seine
Song-Visionen umsetzen um ihrer selbst Willen. Sie sind zu gut, um nicht
aufgenommen zu werden. Sie waren aber leider auch zu eigenwillig, um
ins Playlist-Format der Radioprogramme zu passen. Auch wenn es Ausnahmen
gibt - das drückt auf den Bekanntheitsgrad. So blieben die Clubs
lange Zeit klein, auch wenn ihnen bei manchen Gigs vor Begeisterung das
Dach wegfliegt. Und das ist doch eigentlich ….
.
. . “Unerhört!“
Beutin,
bislang beratungsresistent bis stur, gibt nicht auf. So einer kann ohne
Musik keine 24 Stunden überleben. Aber er begreift, dass es vergeudete
Kraft ist, auf diesem Level weiter zu machen.
Er
lässt Beratung zu, dabei aber immer misstrauisch bedacht, sich nicht
irgendwie anpassen zu müssen. Muss er ja gar nicht – er muss sich nur
seiner Stärken bewusst werden, und seiner Schwächen auch. Einfach ist
beides nicht, aber er arbeitet daran.
Mit
einem Schritt zurück startet die neue Karriere von Charly Beutin. Das
Come Back von einem, der nie weggewesen ist. Man hat ihn nur lange nicht
mehr so recht wahrgenommen. Es gilt, erst mal Resumée zu ziehen, eine
Basis für den Neustart zu finden, die Kräfte zu bündeln.
In
stundenlangen Debatten mit seinen Musikern werden aus den früheren Alben
die Titel definiert, die
am besten die Vielfalt und die Besonderheiten des Schreckschuss-Materials
zeigen. Teilweise wurden
sie neu eingespielt oder neu eingesungen. Es entstand ein kompaktes,
eindringliches Portfolio.
Die neuen Stücke zeigen einen neuen Beutin: Sie sind etwas entspannter,
relaxter.
„Wir
müssen reden“, Platz im Himmelbett“ und „Unerhört“ zeigen einen
Richtungswechsel auf. Sie sind kleine Momentszenen, in denen Beutin
Beobachter ist und nicht die autobiografische Hauptrolle spielt. „Unerhört“
ist natürlich ganz und gar wieder auf Charly zugeschnitten. Er ist
ja einfach . . . einfach unerhört. Egal, wie man diesen Begriff
interpretiert.
Und
dann, Charly Beutin? Wie geht’s dann weiter?
„Unerhört!“
ist der Anfang. Mit dieser kompakten Werkschau soll der Mann erst mal den
Medien vorgestellt werden, die ihn entweder noch gar nicht wahrgenommen
hatten oder inzwischen aus dem Augenmerk verloren haben. Vielleicht ist
sogar ein kleiner Hit dabei. Auf der Basis dieses Materials werden die
Konzerte gebucht, die die Popularitätskurve wieder ansteigen lassen
sollen. Erste Schritte.
Und
bei der Arbeit an diesem Album wurden bei Charly Beutin neue Kräfte und
Inspirationen für neue Titel freigesetzt, die schon in der Rohskizze großartig
sind. Nach der CD-Veröffentlichung ist vor der CD-Veröffentlichung. Es geht weiter, Charly. Da ist noch ‚ne Menge Musikerleben voraus.
|